Fallbericht:

Eine mittlerweile 47-jährige Patientin bemerkte Ende der 80er Jahre erstmals mehrere Knötchen an beiden Oberarminnenseiten, später auch zwei tiefliegende Knoten an der linken Oberschenkelinnenseite. Als 1990 eine Berührungs- und Druckschmerzhaftigkeit der Hautveränderungen auftrat, stellte sie sich beim Allgemeinmediziner vor, der ihr mitteilte, es handle sich um Lipome – diese könnten jedoch keine Schmerzen verursachen. Dennoch führte der Leidensdruck 1992 zur Entfernung 15 dieser Tumore. Die feingewebliche Untersuchung ergab Lipome, teils auch Angiolipome. In den folgenden Jahren entstanden weitere Lipome vorwiegend an der Oberarminnenseite und in der Nähe des Ellenbogengelenks, die wiederum druck- und berührungsempfindlich waren.

Im Winter und bei psychischer Belastung wurden die Beschwerden stärker. Gelegentlich litt die Patientin unter Kribbel-Missempfindungen an allen Fingerspitzen mit Schwierigkeiten beim Greifen. Außerdem bestand eine Neigung zu kleinflächigen Hautblutungen (Ekchymosen). Da die Patientin auch über eine Schwellung der Finger und Mundtrockenheit klagte, wurde unter der Annahme einer rheumatischen Erkrankung vorübergehend eine Schmerztherapie mit Meloxicam (Mobec) durchgeführt. Später wurde die Medikation auf Tramadol (Tramal) umgestellt. Es half jedoch keines der beiden Medikamente.

1998 bestanden so starke Schmerzen, dass die Patientin unter Schlafstörungen litt und die Arme nicht mehr an den Rumpf anlegen konnte. Es kam zur ersten Vorstellung bei uns, zunächst unter der Annahme, es liege eine Neurofibromatose vor. Die neurologische Untersuchung ergab keine Auffälligkeiten außer einer schmerzhaften Bewegungseinschränkung an beiden Armen. Café-au-lait-Flecke bestanden nicht und die Kernspin-Untersuchung des Gehirns und Rückenmarks waren unauffällig – insbesondere konnten keine Neurofibrome nachgewiesen werden. In der Laboruntersuchung waren sämtliche Routineparameter im Normbereich, BKS 16/42 n.W., RF, ANA, cANCA und pANCA waren negativ. Die Nervenleitgeschwindigkeitsmessung des N. medianus und N. ulnaris waren unauffällig. Aufgrund der charakteristischen Befundkonstellation stellten wir die Diagnose einer Lipomatosis dolorosa.

Im November ´98, Januar ´00, Juli ´00, Oktober ´00 und Mai ´01 wurden Lidocain-Infusionen durchgeführt. Dabei wurde zunächst eine Testdosis von 100 mg Lidocain über 2-3 min i.v. verabreicht. Anschließend erfolgte bei jedem Therapiezyklus für insgesamt vier Tage die Gabe von 300 mg Lidocain als Infusion über 90 min. Nach der zweiten Infusion wurde die Patientin jedes Mal schmerzfrei. Nach 3-6 Monaten kam es allmählich wieder zum Auftreten der Beschwerden, jedoch nicht in der starken Intensität wie vor Beginn der Lidocain-Therapie. Nebenwirkungen traten, abgesehen von einem leichten Blutdruckabfall und einem Wärmegefühl am ganzen Körper, nicht auf.